Kalt ist nicht nur das Wetter hier, der Sommer war viel zu kurz und Sommer konnte man es auch nicht wirklich nennen. Da wir Menschen aber sehr anpassungsfähig sind, könnte man sagen: Man gewöhnt sich an alles. Will ich das aber? Zur Zeit bleibt mir keine andere Wahl, von “Wollen” ist aber keine Rede.
Abgesehen von diesem deprimierendem Wetter ist auch die deutsche Gesellschaft ganz schön “unterkühlt”. Nun rede ich nicht davon, das alle lustig und übermütig ihr Dasein kund geben sollten, aber das Miteinander, das vom Herzen kommende, das (nicht eigennützige) Hilfsbereite, das Vorausschauende, das für Fehler bekennende, das Kultivierte…es fehlt, oder ist wirklich so vereinzelt zu finden, das man fast schon überrascht ist, wenn es einem begegnet.
In der Arbeitswelt wird oft deutlich, das die, die das Geld besitzen über den Menschen und seine Bereitschaft für wenig viel zu tun, regieren und dabei die Fähigkeiten, Talente und schon gebrachten Leistungen übergehen. Angst wird geschürt, weil man schnell ersetzt werden kann und dann ist es egal, ob man sich fast aufgegeben hat für die Firma und den Geldgebern dahinter.
Doch nicht nur in der Arbeitswelt gibt es den harten Kampf. Im Alltag, in den Geschäften, auf der Straße und sogar im Freundeskreis spüren wir immer wieder, das die meisten nur noch für sich kämpfen. Und weil das alle tun, tun wir es auch. Nun kommt mir aber langsam der Gedanke, das das genau der falsche Weg ist und ich als Vorbild entgegenwirken sollte. Nur muss man aufpassen, nicht ausgenutzt zu werden. Das lässt sich aber gut erkennen, denn wer offensichtlich nur Vorteile aus mir bezieht und im entscheidenden Moment mich abweist, ist es nicht wert weiter beachtet zu werden. Wie bei der Erziehung von Jungtieren: gutes Verhalten wird belohnt, schlechtes ignoriert. Bei einem Menschen muss man aber noch kultiviert genug sein, ihm auf Nachfrage deutlich zu machen, das sein Verhalten absolut unmenschlich war. Ein Mensch wird oft in seinem Stolz verletzt, wenn er in seinem Glauben gut zu sein “erschüttert” wird. Und viele glauben gut zu sein.
Letztens war ich einkaufen, so viel, das ich unterschätzte noch eine Tüte extra zu kaufen. Das brachte mich in die peinliche Situation, die in der Schlange stehenden Leute höflich zu fragen, ob ich schnell vor kann, um eine Tüte kaufen zu können, da meine schon bezahlten Lebensmittel hinter der Kasse standen (Gut, ich gebe zu, ich hatte die Befürchtung, das jemand sich bedienen wird…kann ja sein). Ich wendete mich an die junge Dame, die gleich dran war und fragte sie, ob ich denn kurz vor kann.
Schweigen…
Ich schaute sie wartend an.
Sie sah aus, als ob Sie in eine Zitrone gebissen hatte.
Gefühlte 2 Stunden später bemerkte ich ironisch: “Ja, nein, vielleicht?”
Sie erbarmte sich dann doch.
Was ich hier feststellen musste:
1. Aufmerksamkeit failed (nicht vorhanden)!
Ich glaube Sie hatte allgemein Ihre Umwelt ausgeschaltet, was übrigens immer mehr Menschen bevorzugen, weil Sie lieber allein sind. Anders kann ich mir das jedenfalls nicht erklären.
2. Selbstkontrolle failed!
Ihre Gesichtsentgleisung war schon eindeutig und in dem Moment verachtend mir gegenüber. Wie konnte ich es wagen, sie aus ihrer scheinheiligen Welt rauszureißen und dann noch zu fragen, ob ich vor kann. Ihr tut man ja auch nichts Gutes. Boah, ich wollte doch nicht ihre rechte Niere.
3. Freundlichkeit failed!
Ich hätte auch ein Nein akzeptiert, aber Schweigen? Noch mehr Verachtung geht ja gar nicht. Wenn ich jedesmal “unerwartete, unpassende” Fragen mit Ignoranz entgegentreten würde, dann würde ich kaum noch kommunizieren.
4. Herzlichkeit failed!
Kein Lachen, kein freundliches : “Klar doch, wohl den Einkauf überschätzt, wa? Passiert mir auch öfters.”, vielleicht sogar die Hilfsbereitschaft mir von unten schnell eine Tüte zu reichen…Kälte!
Wie kann man diesen immer mehr zunehmenden und vernichtenden Einzelkampf brechen. Es ist doch bekannt, das man im “Team” mehr erreichen kann. Warum bezieht man das nicht auch auf die deutsche Gesellschaft. In anderen Ländern dominiert die herzliche, familiäre und soziale Verbundenheit des Volkes, sogar mit einem gewissen Nationalstolz.
Wahrlich, stolz können wir nur auf wenige Dinge hier sein. Abgesehen von der Vergangenheit der deutschen Nation, die viele noch nicht verarbeitet haben, lieber vergessen wollen und so tun, als hätten wir das Recht so existieren zu dürfen, wie wir es bis heute tun…wir können an uns arbeiten, wir können besser werden, wir sollten unser Augenmerk auf das Menschliche legen. Wir sind eine andere Generation und haben immer noch die Chance Deutschland zu einem guten, ehrlichen und menschlichen Land zu machen. Reumütig, aber mit dem Kopf nach oben.
Was passiert, ist aber ein Abkapseln sogar untereinander, immer noch unterschwellige Diskriminierung von “Zuwanderern” und absolute Kälte gegenüber denen, die weniger Chancen hatten, sich “hochzuarbeiten” und somit weniger Wissen bzw. Geld besitzen. Eins kann ich sagen: so überlebt keine Gesellschaft, jedenfalls nicht lang. Was heißt das: wenn wir lieber Einzelkämpfer sein wollen, dann überleben auch nur Einzelne, die aber keine Gesellschaft mehr bilden können, weil dem gegenüber Völker stehen, die durch mehr Zusammenhalt, Menschlichkeit und Fairness in der Überzahl sind. Dann wird man selbst zum “Zuwanderer” und dann geht man auch dort mit seiner kalten Einstellung allein zu Grunde.
Schwarzmalerei? Klar, aber wie soll ich denn sagen, was ich meine, wenn nicht mit Extremen.
Ich bin deutsch und irgendwie doch nicht. Ich möchte mehr sein, besser sein und wünsche mir in einer Gesellschaft zu leben, wo es nicht darauf ankommt, was man hat und wer man ist, sondern was man kann und mit welcher Liebe man das tut, nämlich die Liebe für das Miteinander, das vom Herzen kommende, das (nicht eigennützige) Hilfsbereite, das Vorrausschauende, das für Fehler bekennende, das Kultivierte…
Ich Denke, also bin ich! Mir geht viel im Kopf herum und, typisch Frau, fange ich an zu analysieren. Dabei entstehen ganz eigene Gedankengänge, meist sarkastisch angehaucht und mit etwas Ironie vervollständigt. Meine Welt ist anders als Deine, aber ab und zu trifft man sich auf einer Ebene und hier beginnt unsere Reise in "susannalyse" - vom Sinn und Unsinn im Leben.
lola0911-susannalyse@yahoo.com