Gestern musste ich das Taxi nehmen, weil in Berlin der Wintereinbruch die Infrastruktur fast lahm gelegt hatte. Und wie Taxifahrer so sind, glaubte er mich unterhalten zu müssen. Na gut, dachte ich mir, der scheint nett zu sein. Machst du mal mit.
Wir kamen - man mag es kaum glauben - auf das Thema BVG und dem schlechten Bahnverkehr. Ich erzählte irgendetwas vom Internet und das ich darüber schon viel Kritik gelesen habe bzw. selbst etwas darüber geschrieben hatte. Da fragte er mich, ob ich mit Hilfe des Internets mein Geld verdiene und was ich denn so schreibe. Nun wollte ich nicht nur "Dies und Das" antworten und sagte spontan: "Ich bin Kritiker" (Ich musste selbst ein wenig schmunzeln, da ich vom professionellen Kritiker soweit entfernt bin, wie Schweinegrippe zu "größte Gefahr der Menschen", aber das wusste er ja nicht). Was ich kritisiere, fragte er. Hmmm, eigentlich ziemlich viel, dachte ich und sagte:"Dienstleistungsschwächen in Deutschland oder Charakterdefizite der allgemeinen Menschheit".
Boah, das klingt doch mal gut und wichtig.
Er schien wohl nicht wirklich etwas damit anfangen zu können - wie auch, ich selbst musste mich ja schon zusammenreißen, um an diese neue Definition zu glauben.
Dann nahm er auf einmal die Menschen in Schutz, die ich kritisierte. Dabei wusste er weder wen ich bereits kritisiert hatte, noch warum und irgendwie spürte ich, dass er einer der vielen Menschen ist, die Kritik gleich mit etwas Negativem verbinden.
Doch Kritik ist nie negativ, denn was einige gern verdrängen: Kritik ist ein wichtiger Schlüssel zur Veränderung, ohne die wir sonst immer noch Höhlenmenschen wären und uns mit Resten des gejagten Wildes zufrieden geben würden, weil die Anführer traditionell die ersten und besten Stücke abbekommen.
Kritik ist laut Definition „die Kunst der Beurteilung, des Auseinanderhaltens von Fakten, der Infragestellung“, was auch positive Kritik beinhaltet. Ich kritisiere nicht nur negativ, denn nur weil es "Befürwortung", "Gefallen" oder "Zustimmen" heißt, kann man dazu nicht auch positive Kritik sagen? Denn ich beurteile tolle Dinge und Menschen genauso, analysiere die Fakten und stelle es/sie in Frage (nur um dann eine Übereinstimmung zu meinen Gedankengängen zu finden).
Ich finde es auf jeden Fall amüsant in welchen Rechtfertigungsdrang auf einmal der mir gegenüber stehende, negativ Kritisierte kommt und ausschweifend Gründe findet, um sein Fehlverhalten zu entschuldigen - ohne sich wirklich zu entschuldigen, wohlgemerkt.
Selbst brauche ich auch Kritik, um mich orientieren zu können. Wer mich negativ kritisiert bekommt zwar nicht gleich eine Umarmung, aber die Gewissheit, dass ich darüber nachdenke und es versuche zu ändern (natürlich nur, wenn ich nach reichlicher Susannalyse der Kritik zustimme
). Um so erstaunter ist dann mein Umfeld, wenn ich etwas oder jemanden positiv kritisiere und dann fast callcenter-mäßig aber so richtig überzeugend anpreise. Zumindestens kann man bei mir gewiss sein, dass ich nichts verberge und klar meine Gedanken äußere.
Abgesehen davon ist es das, was mich ausmacht und warum es doch einige gibt, die meine Geschichten und Beiträge gern hören oder lesen. Ich werde weiterhin kritisieren, auch wenn die "armen Menschen in Deutschland ja viel durchmachen und ertragen müssen" (das sagte der Taxifahrer zu mir), eine Entschuldigung für Ihre Art und Weise ist es deswegen noch lange nicht.
Ich Denke, also bin ich! Mir geht viel im Kopf herum und, typisch Frau, fange ich an zu analysieren. Dabei entstehen ganz eigene Gedankengänge, meist sarkastisch angehaucht und mit etwas Ironie vervollständigt. Meine Welt ist anders als Deine, aber ab und zu trifft man sich auf einer Ebene und hier beginnt unsere Reise in "susannalyse" - vom Sinn und Unsinn im Leben.
Susann Nicklaus
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