Dies ist wohl eines der bekanntesten Streitthemen der Menschheit und ich werde mich heute einmal daran wagen. Mehrmals im Leben habe ich mich mit Bekannten, Freunden, Fremden oder meinem Partner über Zufall oder Schicksal unterhalten und jeder hat da seine eigene Sicht der Dinge.
Eins steht von vornherein fest: wie auch immer man es nennen will und woran man auch glaubt, ich werde niemanden überzeugen oder beeinflussen wollen. Ich werde lediglich herausfinden, wie man beide "Glaubensrichtungen" definiert und unterscheiden kann. Ich gehe dabei von einer Situation aus und versuche mich einerseits in denjenigen hinein zu versetzen, der an den Zufall glaubt und andererseits in den, der vom Schicksal überzeugt ist. Beginnen wir mit dem Zufall, aber erst die Situation:
Ein junger Mann (nennen wir ihn Michael) lernt eine wunderbare Frau kennen (sie nennen wir einfach Anna). Sie sind sehr glücklich, doch nach 2 Jahren beginnt die Beziehung an zu bröckeln und beide entfernen sich zunehmend voneinander. Anna beendet die Beziehung. Beide finden einen neuen Partner und nach einiger Zeit vergessen sie gar einander. Eines Tages macht Michael Urlaub in, sagen wir mal Berlin und trifft Anna bei einem Bäcker, als sie sich gerade einen Kaffee zur Mittagspause holt. Michael sieht sie sofort und ihm überkommt ein wehmütiges vertrautes Gefühl: "Anna!" Anna traut ihren Augen nicht und fällt ihn sprachlos um den Hals. Nachdem beide sich ausgetauscht hatten, was in der vergangenen Zeit passiert ist (Anna zog mit dem neuen Freund nach Berlin, trennte sich kurze Zeit später und arbeitet nun hier, Michael blieb im Heimatstädtchen und zog damals mit seiner neuen Freundin in eine gemeinsame Wohnung, leider ist die Beziehung erst kurz vor dem Berlin-Trip auseinander gegangen, er ist dann allein hierher gekommen), schauen sich beide an und können immer noch nicht begreifen, was da passiert ist. "Was für ein Zufall!", sagt Michael. "Nee, ich glaube das war Schicksal", lacht Anna
Zufall wird umgangssprachlich als Ereignis bezeichnet, was nicht kausal erklärbar ist und liegt außerhalb unseres Einflusses. Zufall bedeutet also auch, dass etwas spontan passiert.
Schauen wir uns unsere erfundene Situation an. Der Zufall war es angeblich, der Michael und Anna zusammengebracht hat, denn ausgerechnet in Berlin, in einer der tausenden Bäckereien, genau zur Mittagspause von Anna, da treffen sich beide spontan, nach Monaten (oder Jahren) ohne Kontakt zueinander, wieder. Das ist schon erstaunlich und wundersam zugleich. Es ist die absolute Willkür von allem, was die Situation braucht: Zeit, Ort und Masse (in dem Fall Michael und Anna).
Schicksal ist scheinbar eine höhere Macht, die das Leben einer Person entscheidend beeinflusst und wir Menschen sind dem hoffnungslos ergeben.
Das Schicksal hat nach der Trennung von Michael und Anna beiden unterschiedliche Partnern "zugeteilt" und irgendwann auch diese wieder getrennt und zwar zu genau den Zeitpunkten, die nötig waren, um Anna nach Berlin ziehen und Michael allein nach Berlin zum Urlaub kommen zu lassen. Und dann dachte sich das Schicksal: diese Bäckerei zu diesem Zeitpunkt - und Peng.
Einige würden noch einen wichtigen Punkt hinzufügen wollen: der Wille des Menschen.
Ob der Mensch einen eigenen Willen hat und damit Einfluss ausüben kann, ist auch ein großartiges Thema, aber das würde hier den Rahmen sprengen, deswegen bitte ich um Verständnis, wenn ich da nicht näher darauf eingehe. In meinem vorigen Blogeintrag habe ich bereits geschrieben, dass jeder für sein Leben verantwortlich ist und dafür, das Veränderungen positiv oder negativ Einfluss auf das Leben nehmen können. Das würde bedeuten, dass wir das Schicksal beeinflussen könnten und dann wäre es ja kein Schicksal mehr.
Was aber, wenn auch das das Schicksal geplant hat?
Ich könnte mir vorstellen, dass das Schicksal (oder wie auch immer man es nennen möchte) eine Art Grundplan hat, der auch immer wieder angepasst werden muss. Dass Michael und Anna sich wieder treffen sollten, war angepasstes Schicksal. Der Grundplan war es, dass beide zusammen sein sollten.
Durch die Trennung (typisch, die Frau hat mal wieder ins Schicksal gepfuscht
) musste schnell ein neuer Plan her, der Fremderfahrung (andere Partner) und entfernte Orte beinhalten musste, damit Michael und Anna nach einiger Zeit wieder diese wichtigen Gefühle empfinden konnten.
Klingt nach einer klassischen ausgewachsenen romantischen Vorstellung einer Frau, aber seitdem ich bei jedem Ereignis so denke, akzeptiere ich einige "Missgeschicke" in meinem Leben und bezeichne mich sogar ab sofort als "Mithelferin" meines eigenen Schicksals.
Das Schicksal macht nämlich seinen Job und passt regelmäßig meine Planung an und ich versuche weniger hinein zu pfuschen, aber dennoch das zu tun, was ich persönlich als richtig und gut empfinde.
Und je ruhiger das Leben wird, um so perfekter ist das Zusammenspiel zwischen Schicksal und einem selbst (oder um so eher hat man den Sinn entdeckt).
Nun, es ist ein schwieriges Thema und es wird wohl noch dauern bis wir da eine einheitlich Lösung gefunden haben. Was ist mit euch, was denkt ihr? Zufall oder Schicksal?
Kommentare und eigene Vorstellungen sind erwünscht ![]()
Susann Nicklaus am 22.01.2010 10:14 (Antwort)
Hallo Michael,
"Alles hat seine Zeit" ist verbunden mit "Hab Geduld" und das scheint für Einige schwierig zu sein, so das diese mit aller Gewalt ihr "Schicksal herausfordern" und wohlmöglich scheitern.
"Alles hat seine Zeit" bedeutet auch, das es eine Macht gibt, die lenkt und leitet und bestimmt wann Zeit für etwas ist. Schicksal?, Gott? oder womöglich etwas anderes?
Das für dich Schicksal und Zufall in diesem Satz verwinden, zeigt deutlich, dass du dir sehr wohl bewusst bist, dass du zwar dein Leben beeinflussen kannst, aber letztenendes ein Plan (mit bestimmten Zeitpunkten) vorliegt, wo man lieber nicht reinpfuscht und vor allem dem, der ihn verwaltet auch vertraut.
Ich Denke, also bin ich! Mir geht viel im Kopf herum und, typisch Frau, fange ich an zu analysieren. Dabei entstehen ganz eigene Gedankengänge, meist sarkastisch angehaucht und mit etwas Ironie vervollständigt. Meine Welt ist anders als Deine, aber ab und zu trifft man sich auf einer Ebene und hier beginnt unsere Reise in "susannalyse" - vom Sinn und Unsinn im Leben.
Susann Nicklaus
susann.nicklaus(at)ymail.com
Michael Schröder am 21.01.2010 11:57 (Antwort)
... ich bin zwar evangelisch getauft, habe aber mit der Kirche ansich wenig zu tun. Gewisse Ereignisse wie (Hochzeit, Taufe, Beerdigung ) zwingen einen aber manchmal dazu diese doch
aufzusuchen.
Erstaunlicherweise wurde ich bei meinen letzten 3 Pflichtbesuchen jedesmal mit dem gleichen Kirchenzitat - Alles hat seine Zeit - konfrontiert. Wer es einmal gehört hat, glaubt gar nicht was alles seine Zeit hat. Ellenlag und Umfangreich,
aber auf eine gewisse Art beeindruckend.
Beim letzten Mal hörte ich mit Bedacht hin. Seitdem verschwinden die Begriffe Schiksal & Zufall für mich darin. Mischa