Auf den Strassen herrscht eine ungemütliche Stimmung. Der Winter will einfach nicht loslassen und die Sonne versteckt sich noch schüchtern hinter dem Vorhang dicker, grauer Regenwolken. Auch ich bin tiefsinnend durch die Winterzeit gegangen, spürte Müdigkeit und Erschöpfung in den Gliedern und schwankte in fraulicher Manier mit meiner Launenhaftigkeit. Doch die Stille und Trägheit, die der Winter mit sich bringt, hat den Vorteil, mehr Innen zu verbringen und damit meine ich nicht nur das eigene Heim.
Wer bin ich?
Diese Frage stellt man sich in seinem Leben öfters:
- mit ca. 3 Jahren, wenn das Ego in Erscheinung tritt und man plötzlich feststellt, dass man einen Willen hat und damit Dinge erreichen kann. Eigene Fähigkeiten werden spielerisch analysiert ("Ich bin schneller als Lena") und neu entdeckt. Mitgefühl wird in dem Alter zum erstnmal gespürt ("Mama, hier hast du die Wärmflasche, dann gehen die Bauchschmerzen weg").
- Im Alter zwischen 7 und 10 bildet sich die soziale Kompetenz und man verspürt eine bestimmte Wichtigkeit ("Ich helfe dir, ich bin schon groß").
- In der Pupertät ist durch das wirre Hormonspiel der noch nicht erwachsene Geist den Stimmungsschwankungen unterworfen und kämpft mit Selbstbewusstseinsüberschuss und Komplexen. Die Selbstfindung ist ein jahrelanger Kampf, der selbst nach dem Auszug aus dem elterlichen Haus noch lange nicht beendet ist.
- Einen wichtigen Sprung macht man wohl um die 30, wenn vieles klarer und erschreckend deutlich wird. Aus Trennungsschmerz (weil die naive, unbewusste Zeit vorher sehr viel angenehmer war) wird ein objektives, emotionsloseres aber wohl durchdachteres Handeln mit mehr Gelassenheit, was die Anderen um einen herum betrifft und mehr Aufmerksamkeit, sich nicht mehr so leicht über den Tisch ziehen lassen zu können.
- Mit 50 soll dann der Prozeß abgeschlossen sein und der Mensch definiert sich über seine Taten und Entscheidungen aus der Vergangenheit. Viel wird sich am Bewusstsein nicht mehr ändern und im günstigsten Fall weiß man dann auch wer man wirklich ist.
Die wichtigste Aufgabe im Leben ist die Selbstfindung und das ist deswegen so wichtig, weil eine gewisse Struktur in der Gesellschaft Sicherheit bietet und diese Sicherheit erreicht man nur, wenn jeder weiß, wo sein Platz ist. Die eigenen Fähigkeiten ergänzen die der Anderen und umgekehrt. Das nennt man eine gut funktionierende Gemeinschaft, wo wie in der Tierwelt, gewisse Probleme nur von denen gelöst werden, die die Fähigkeit dazu haben.
Und wie sieht die Realität aus?
Immer wieder schaffen es Menschen trotz geringer Fähigkeit, Positionen auszuüben, für die sie nicht geeignet sind. An die Position sind sie entweder durch familiäre Vorteile, Korruption, Lügen oder pures Glück gekommen. Geld spielt da natürlich auch eine wesentliche Rolle. Und die, die jahrelang ein "Handwerk" in nahezu perfekter Form erlernt haben, kämpfen sich mühsam Jahr für Jahr nach oben und werden durch Regeln und Zwänge wieder nach unten gedrückt. Nur der, der sich am besten "verkauft", hat da noch eine Chance. Da überall Geld gespart wird und Leistungen nur ungern überdurchschnittlich ausgezahlt werden, überlebt nur der, der unterwürfig und bescheiden ist. Das demotiviert aber und führt zu geringerer Leistung.
Doch es scheint Bewegung in diesem Bereich zu kommen, denn langsam wird klar, dass Qualität seinen Preis hat (gerade ein Vertriebsmitarbeiter weiß sehr genau, dass ein Produkt mit höherer Qualität letzendlich besser von den Käufern angenommen wird). Das bedeutet vielleicht eine höhere Investition am Anfang und mehr Aufwand gegenüber seinen Mitarbeitern, durch eine menschenfreundlichere Arbeitsumgebung - das Resultat hat aber einen Mehrwert, von den man Jahre lang zehren kann.
Doch kommen wir zum eigentlichen Thema zurück.
In einem vorigen Eintrag habe ich schon über den größten Feind des Menschen geschrieben und wie man durch sich selbst Hinternisse schafft bzw. sie vermeiden kann und auch bei dem Eintrag "Horizonte erweitern" gehe ich auf mehr Nachdenken und Hinterfragen ein.
Wer sich und seine Fähigkeiten genau kennt, den Ehrgeiz hat, immer wieder seine Fähigkeiten zu stärken und trotz der schwierigen äußeren Gegebenheiten, nie die Lust daran verliert, diese auszuüben, dem kann das Leben eine Menge Zufriedenheit schenken. "Wer bin ich?" endet nicht beim Status, den die Gesellschaft einem gibt, sondern dauert so lange, bis man selbst mit einer inneren Ruhe und gestärktem Selbstbewusstsein anderen Menschen gegenüber treten kann und klar definiert: DAS bin ich!"
Mehr zu diesem Thema ist auch in diesem Beitrag von mir zu finden: Der Nocebo-Effekt
Ich Denke, also bin ich! Mir geht viel im Kopf herum und, typisch Frau, fange ich an zu analysieren. Dabei entstehen ganz eigene Gedankengänge, meist sarkastisch angehaucht und mit etwas Ironie vervollständigt. Meine Welt ist anders als Deine, aber ab und zu trifft man sich auf einer Ebene und hier beginnt unsere Reise in "susannalyse" - vom Sinn und Unsinn im Leben.
Susann Nicklaus
susann.nicklaus(at)ymail.com
Jacqueline Schofft am 23.03.2010 16:29 (Antwort)
Hallo Susann, du hast sehr schöne Worte gefunden und als ich sie gelesen habe, hab ich eine Gänsehaut bekommen. Echt schön...weiter so