Feinfühligkeit - die Kunst der sozialen Flexibilität (auch im Netz)

Mittwoch, 12. Mai 2010

Soziale Kompetenz drückt sich vor allem mit der Fähigkeit aus, sich in andere emotional hinein versetzen zu können und ermöglicht somit einen Wechsel des Blickwinkels.

Es ist nicht leicht, den Blickwinkel eines anderen einzunehmen, da weder die Erinnerungen, noch die Erfahrungen oder die Intelligenz nachgeahmt werden kann.

Im Netz spricht man übrigens von: Accessibility, Usability und Barrierefreiheit. Aber nicht nur im Internet gehört der Wechsel des Blickwinkels zu einem wichtigen Kommunikationsmittel. Auch im realen Leben möchte man doch so viele Menschen wie möglich ansprechen können und dazu braucht man soziale Kompetenz: Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen und Flexibilität des Geistes.

Wenn das Ganze einfach wäre, dann hätten wir einen tollen Planeten mit ganz vielen netten Menschen...dem ist aber nicht so, wo sich für mich die Frage stellt: was ist daran so schwierig, einen anderen Blickwinkel einnehmen zu können und liegt das eventuell an der Gesellschaft und direkt an der Erziehung?

Dass das Ego einen gewissen Anteil der nicht vorhandenen Feinfühligkeit ausmacht, hatte ich bereits erörtert. Wir leben in einer Gesellschaft voller Egoisten, die noch nicht mal wissen, dass sie Egoisten sind (das sind übrigens die Gefährlichsten). Und am deutlichsten wird es, wenn gewisse Menschen "austeilen" können, aber sich schwer tun "einzustecken".

Doch das ist jetzt nicht das Hauptthema. Die Kunst der sozialen Flexibilität besteht aus der Fähigkeit, anpassungsfähig zu sein ohne sich selbst dabei aufzugeben und dennoch jedem anderen seine Freiheit zu gewähren: ein Seilakt, der viel Selbstkontrolle (schaolinähnliche Eigenschaften, wie ein guter Freund zu sagen pflegt) bedarf und dem Seiltänzer immer wieder zum Schwanken bringen kann (wenn er nicht gerade Schaolinmönch ist).

Ich möchte mal ein Beispiel bringen, was im realen Leben, wie auch bei der Frage der Barrierefreiheit im Netz eine große Rolle spielt. Es geht um die Definition"behindert":

Der Begriff allein wurde von den „Normalen“ geprägt und auch in seiner Definition - was behindert ist und was nicht - eingegrenzt. Die Mehrheit konnte gehen, deswegen wurden Treppen gebaut und weil ein Einbeiniger (Minderheit) schlecht Treppen steigen konnte, war er am Steigen BEHINDERT wurden – von wem? - vom Zweibeinigen (Mehrheit).

(dieser Textausschnitt stammt aus einem eBook-ähnlichen Versuch meinerseits mit dem Titel "Krisenbewältigung - Die Kindheit als Prägung" und kann als PDF bei my-onid auf der Seite "aktuell" heruntergeladen werden)

Der Blickwinkel spielt hier eine wesentliche Rolle, denn wie gesagt: wer mehrere Menschen ansprechen möchte (auch mit seinem Internetprojekt) muss in der Lage sein, sozial flexibel in die Position eines anderen schlüpfen zu können.

Was macht die Gesellschaft?

Im Fall des Behinderten wird deutlich, das nur wenige Menschen die Feinfühligkeit besitzen, sich in einen Behinderten Menschen hineinversetzen zu können. Deswegen ist die Welt für "Normale" gebaut und behindert die "Nicht-Normalen". Würde man die Welt aber so bauen, dass alles barrierefrei ist: also jede "Behinderung" ist abgedeckt und für die "Nicht-Behinderten" besteht sowieso keine Schwierigkeit, weil sie alles nutzen können, dann würde die Definition BEHINDERT schon ganz anders aussehen.

Was hat die Erziehung damit zu tun?

Jede Generation hat es bis jetzt versäumt, diese Vielfalt als solches zu akzeptieren. Es wird immer noch kategorisiert und klassifiziert. Dabei ist deutlich zu erkennen, das Kinder zunächst überhaupt keine Probleme mit "Behinderten" haben und sogar als ganz normal ansehen, erst später wird ihnen durch ihre Vorteile klar, dass sie mehr Möglichkeiten haben und stellen sich fast automatisch "über" die Benachteiligten.

Was kannst du tun?

Eine direkte Lösung kann ich auch nicht bieten, das liegt ja auch nicht in meiner Macht. Für mich habe ich entschieden, Vorurteile komplett abzulegen und durch einen Blickwinkelwechsel ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es dem anderen wohl geht. Immer gelingt das nicht und es bedeutet auch nicht, dass ich durch mehr Feinfühligkeit alles durchgegehen lasse, was für mich eine Beeinträchtigung bedeuten könnte. Jedoch verstehe ich mehr und erweitere meine soziale Flexibilität um ein Vielfaches...als Resultat kommt die Erkenntnis des Anderen: Mit dir kann man über alles reden? Du verstehst mich so gut?

Im Internet übrigens bedeutet die feinfühlige Barrierefreiheit auch eine Erweiterung: mehr User und das gute Gefühl, an alle gedacht zu haben. Der Dank kommt von denen, die nicht mehr ausgeschlossen werden.

Beispiele als Übungszweck:

Nimm dir einen Freund zur Seite und sucht eine Internetseite mit Registrierung, die ihr nicht unbedingt täglich im Internet aufruft. Dein Freund schließt die Augen und du versuchst alles vorzulesen, was du auf der Seite siehst und zwar so, dass er auch eine Vorstellung davon bekommt, wo etwas steht.

Denke daran,

- Farben nennen bringt nichts, da ein Blinder (von Geburt an) keine Farbenbezeichnungen einer Farbe zuordnen kann. Das wird vor allem wichtig bei Logos oder Bildern und Videos.

- Du darfst kein Wort oder Satz auslassen und

- jede Überschrift wird vorher als Überschrift erkenntlich gemacht (z.B.: "Überschrift ... ").

- Jeder Link muss deutlich als Link genannt werden (z.B.: "Link ...").

- Jedes Wort und jedes Satzzeichen wird vorgelesen (auch "..." - Punkt Punkt Punkt),

- jede Abkürzung wird mit ihren Buchstaben ausgesprochen (u.s.w. - uhh punkt es punkt weh punkt).

Hauptaufgabe ist es, das Registrierfeld zu finden, wo Daten eingetragen werden können (muss nicht wirklich gemacht werden). Mal sehen, ob dein Freund es mit deiner Hilfe schafft?

In der realen Welt gibt es die Möglichkeit sich mal in einen Rollstuhlfahrer hineinzuversetzen, indem man selbst einen Tag lang mit einem Rollstuhl den Alltag meistert: Verkehrsmittel benutzen, öffentliche Gebäude oder Einkaufshallen besuchen und vielleicht auch mal einen Park oder ähnliches.

Je häufiger man sich mal solchen Aufgaben stellt, um so leichter fällt es auch einen anderen Blickwinkel im Allgemeinen zu erreichen und somit seine Feinfühligkeit zu stärken.

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Weblog: topsy.com
Aufgenommen: Mai 16, 15:30

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Über Susannalyse

Ich Denke, also bin ich! Mir geht viel im Kopf herum und, typisch Frau, fange ich an zu analysieren. Dabei entstehen ganz eigene Gedankengänge, meist sarkastisch angehaucht und mit etwas Ironie vervollständigt. Meine Welt ist anders als Deine, aber ab und zu trifft man sich auf einer Ebene und hier beginnt unsere Reise in "susannalyse" - vom Sinn und Unsinn im Leben.

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